Schwules Sommercamp - die Hintergründe

Hintergründe

Anfangsjahre

Im Dezember 1989 gründeten junge ötv-Mitglieder (heute ver.di) den heutigen Arbeitskreis Lesben und Schwule. Mit der Innovation der Jung-Gewerkschafter konnten sich – wie so oft – nach und nach ältere Mitglieder anfreunden.

Damals liefen den Gewerkschaften junge Mitglieder davon. Politische Jugendbildung war out. Jugendseminare fielen reihenweise aus. Diskussionen über die Neuausrichtung der Jugendarbeit flammten auf.

In dieser Krise trafen sich 1991 zufällig der Sprecher des Arbeitskreises Lesben und Schwule (damals noch AK Homosexualität) und Roland Schinko, DGB-Jugendbildungsreferent.

Der Hauptamtliche beim Landesbezirk Baden-Württemberg suchte neue Arbeitsfelder und bot an, mit dem Arbeitskreis Lesben und Schwule ein Wochenendseminar für schwule Jugendliche zum Thema Coming out am Arbeitsplatz anzubieten. Wenn sich genügend Interessenten fänden, ließe sich das Angebot wiederholen.

Erste Begegnungen

Im Herbst 1991 trafen sich in der AWO-Jugendbildungsstätte in Böblingen 20 überwiegend junge Schwule zum Coming out-Seminar. Die Folge des Erfolgs: 1992 bis 94 gab es weitere Coming out-Seminare in Freudental, Wiesensteig und Weil der Stadt, bis Schinko nach vier Jahren Coming out am Arbeitsplatz genug davon hatte, als Hetero Kummerkasten oder Hebamme für Homos mit Coming out-Problemen zu sein.

Schwierige Premiere in Markelfingen

Zum Fünfjährigen schlug er ein einwöchiges Camp auf dem Platz der DGB-Jugend am Bodensee vor. Das erste schwule Sommercamp fand vom 22. bis 27. Juli 1995 mit 37 jungen Schwulen in Markelfingen statt.

Im DGB aber waren Hürden zu überwinden. Über die Gewerkschaften versandte Einladung für das schwule Sommercamp landeten nicht am betrieblichen schwarzen Brett, sondern im Papierkorb. Gewerkschaftsmitglieder drohten mit Austritt. Das Wort "schwul" wurde nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen.

Noch heute haben ungeoutete Jungs - oft vom Lande - Probleme mit dem Wort „schwul“, wenn sie beim DGB zum Camp nachfragen. DGB-Mitarbeiter erkundigen sich, ob das schwule Sommercamp gemeint sei – stets sensibel und ohne Zwang zum Outing. Das Camp aber wurde immer bekannter.

Programmvielfalt

Bereits die ersten Veranstaltungen boten ein breites Themenspektrum an – vom Coming out persönlich und am Arbeitsplatz, Recht am Arbeitsplatz, betriebliche und gewerkschaftliche Interessenvertretung, Safer Sex, HIV oder schwule Gesundheit. Interessante Tätigkeiten bieten noch heute die Bereiche Foto, Radio, Video, Zeitung und Rhetorik, ebenso der Kreativworkshop.

Strukturen werden gefestigt

Als Roland Schinko zum DGB-Bundesvorstand wechselte, stand das Camp vor einer Zäsur. Als Sondereinrichtung von ihm protegiert, war es nicht in der Struktur der DGB-Jugendarbeit verankert. Dank der Bekanntschaft von Arbeitskreis-Mitgliedern zur Jugendebene des DGB hat Schinkos Nachfolger Markus Kling (Genschi) das Camp in die DGB-Struktur eingepasst, Mittlerweile hat das Camp den Wechsel von fünf Jugendsekretären überdauert.

Auf zu neuen Ufern

Die Themenangebote des Sommercamps lassen sich nicht beliebig modifizieren. Um aber Stammteilnehmern neue Aspekte zu bieten, stellt das Team seit 1999 jedes Sommercamp unter ein Thema. Teilnehmer stachen mit dem Kreuzfahrtschiff in See, besuchten ein Kaufhaus oder den Olymp.

Internationale Kontakte

Ein Teammitglied hatte zu einer Jugendgruppe in Tschechiens zweitgrößter Stadt Brno (Brünn) Kontakte, so dass von 1998 bis 2003 Delegationen von tschechischen Jugendlichen am Camp teilgenommen haben. 2001 schlossen sich junge Slowaken an. Jugendliche anderer Nationalitäten immer wieder individuell am Camp teil.

Kreative Impulse

Vieles auf dem Camp lebt vom Organisationstalent und dem Erfindungsreichtum des Teams und der Teilnehmer. So mancher Teilnehmer hat zuerst Vorschläge zur Weiterentwicklung des Camps eingebracht und sich später als Teamer wieder eingefunden.

Das schwule Sommercamp wirkt!

Andere Teilnehmer haben Impulse für ihr Coming out erhalten. Freundschaften und Partnerschaften entstanden auf dem Sommercamp – nur ein Grund, und für uns Organisatoren eine Verpflichtung, das schwule Sommercamp weiterzuführen.